Am Filmset von Fernando de Noronha

Es ist Sonntag der 22. März 2020. Gegen Mittag mache ich noch ein paar Fotos von der Insel im Sonnenlicht und bestaune die Vegetation und den Strand vom Schiff aus. Es sieht aus, wie auf einer Pirateninsel aus einem Schatzsucherspielfilm. Der Dschungel erscheint in sattem, dunklem Grün, Sandstrand und Felsen wechseln sich ab und die Brandung läuft an den Strand. Mehr kann man nicht erwarten. Da taucht auch noch eine Schildkröte auf uns steckt den Kopf aus dem Wasser. Ich stehe nur still auf der Plattform und genieße den Moment.

Dann machen wir das Dingi klar und fahren an den Anlieger, um einzuklarieren. Es mutet schon ein wenig seltsam an, dass außer uns und One Liberty keine anderen Gastschiffe zu sehen sind. Auch der Strand ist menschenleer und die Schnellboote, die ansonsten Bananaboote und Parasails hinter sich herziehen liegen verlassen am Strand.

Man könnte meinen, in einem Spielfilm von Steven Spielberg zu sein und jeden Moment erscheinen die Dinosaurier. Doch schnell lösen sich die Gedanken, als wir am Anlieger einige Menschen stehen sehen. Es sind genau genommen fünf Männer, wovon drei in legerer Uniform aus Polo und Short und zwei in zivil sind. Ich sitze im Bug des Dingis und will mit der Festmacherleine übersteigen, als mich einer der Männer in zivil daran hindert.

Zuerst wird portugiesisch gesprochen und ich verstehe natürlich „nada“. Ich ersuche darum, Englisch zu sprechen. „This Island is closed. You have to go back.“ Waren die ersten Worte, die wir vernommen haben. Die weitere Unterhaltung gestaltet sich schwierig, da das Englisch der Leute nur sehr dürftig ist. Die Uniformierten sind von der Port Control und sprechen (mangels Englisch?) gar nicht mit. Sie stellen offenbar nur den offiziellen Charakter in der Szene dar. Der zweite Mann in zivil steht im Hintergrund und gibt Anweisungen, was zu sagen ist, nachdem der Andere erklärt bzw. übersetzt, was wir sagen.

Dass wir aus St. Helena kommen, seit 2 Wochen unterwegs sind und keinen Virus haben können, interessiert dabei niemanden. „CLOSED“ heißt es immer wieder. Wir insistieren, dass laut unseren Informationen die brasilianischen Grenzen erst morgen geschlossen werden, zudem haben wir keine Vorräte mehr und man könne uns doch nicht auf See verhungern lassen. Außerdem sind wir bei der Hafenbehörde angemeldet worden. Dazu gibt es Schriftverkehr.

Der Mann im Hintergrund geht darauf hin zu einem Auto, holt ein Kuvert und kommt damit zurück. Zwischenzeitlich ist einer der Uniformierten so nett und macht für Martin einen Hotspot am Handy auf und er kann zumindest die ersten Informationen nach Hause senden.

Ich kann erkennen, dass auf dem Kuvert ein Wappen oder zumindest ein Stempel drauf ist. Etwas offizielles also, wir scheinen Glück zu haben und ich mache mich schon daran, das Dingi festzumachen.

Aus dem Kuvert zieht der Mann dann allerdings nur eine Atemmaske heraus und der andere übersetzt, dass einer von uns in Begleitung eines Offiziers im nahe gelegenen Supermarkt einkaufen dürfe, wir aber dann unmittelbar wieder abfahren müssen. Kopfschütteln und Enttäuschung machen sich breit. Wir verhandeln uns noch eine zweite Person zum Einkaufen heraus, da einer alleine das alles gar nicht tragen könne und fahren zuvor nochmal auf SHAMBALA II zurück, um eine Liste zu machen und Taschen zu holen. Dabei halten wir bei One Liberty nochmals an und berichten über das erlebte.

Reiner und Martin fahren dann los, während ich auf dem Schiff zurückbleibe und warte. Es vergeht etwas mehr als 1 Stunde – und die ist echt lange, wenn man ständig auf die Uhr sieht – bis das Dingi wieder um die Mole herum zurückkommt. Was dann passiert, hätte nun tatsächlich von Steven Spielberg sein können.

Martin steigt aus dem Dingi und ist sichtlich verärgert, aber auch Reiner hat kein Lächeln aufgesetzt. Der Einkauf war sichtlich erfolgreich und die beiden wurden sogar – von einem sehr netten Aufpasser- mit einem Wagen gefahren. Was also ist los? Während des Ausräumens der Einkäufe ärgert sich Reiner aber dann ein wenig über Waren, die schon angeschlagen sind und dass sie ohne Grund viel zu hastig eingekauft hätten. Martin bekommt das in die falsche Kehle und gibt sehr unschöne Worte von sich, die ich hier gar nicht wiedergeben möchte. Jedenfalls lässt er darauf hin alles liegen und stehen und packt seine Sachen. Er will von Bord und zwar JETZT. Er bliebe unter keinen Umständen noch länger auf dem Schiff. Das geht alles viel zu schnell. Ich versuche mit Argumenten auf ihn einzuwirken (illegal, keine Flugverbindungen, usw.) und mit ihm als Freund zu reden; erfolglos. Offenbar hat sich da etwas entladen, das nicht wieder reversibel ist. Ob nun wegen des Verhältnisses zu Reiner oder wegen der Enttäuschung nicht nach Hause fliegen zu können oder warum auch immer.

Martin stellt seine Tasche ins Dingi und ich fahre ihn an die Mole. Diesmal ist keiner da. Wir verabschieden uns, er steigt über und geht den Steg hoch. Ich hebe die Hand nochmal zum Gruß und fahre aufs Schiff zurück. Ich frage Reiner, was denn passiert sei. Er weiß aber auch nicht wirklich mehr als ich.

Was nun? Wir verstauen den Einkauf und lassen uns bewusst Zeit, da wir annehmen, dass Martin in den nächsten Minuten von der Hafenpolizei zurückgebracht wird. Das ist aber nicht der Fall.

Eine Stunde später lichten wir den Anker und fahren mal ein Stück in Richtung SW, um zu sehen, was passiert. Und es passiert!
Unmittelbar nach dem Ablegen kommt ein Patrouillenboot hinter uns her und fordert uns auf, umzukehren. Wir kommen der Aufforderung nach und als die Ankerkette wieder unten ist, muss einer von uns mit dem Dingi an Land.

Das bin wegen besseren Verstehens ich. An der Mole traue ich meinen Augen nicht. „Am Set“ befinden sich neben den schon bekannten Personen mittlerweile auch die Polizei, Militärs und noch weitere Menschen und natürlich Martin. Insgesamt sind wir an die 20! Personen. Das Positive daran ist die überaus nette und zudem sehr hübsche Übersetzerin, die man mitgebracht hat, und die uns nun die Konversation doch sehr erleichtert. Fragen, Fragen, Fragen, Erklärungen und Erklärungen und letztendlich eine sehr eindeutige Botschaft:

Entweder wir fahren alle drei JETZT und zusammen mit dem Schiff ab und bleiben straffrei, oder wir werden inhaftiert und lösen einen diplomatischen Konflikt mit allen Konsequenzen aus.

In der Zwischenzeit ist auch Reiner noch mit dem Patrouillenboot geholt worden und nun ist mal wieder guter Rat teuer, denn Martin will keinesfalls zurück aufs Schiff. Letztendlich gelingt es mir dann aber doch noch einen Kompromiss zwischen den beiden dahingehend zu finden, dass Martin mit an Bord kommt, bis zum brasilianischen Festland in seiner Kabine bleibt und nur während meiner Wache an Deck kommt, um sich zu verpflegen und auch einen Teil meiner Wache zu übernehmen, die dann halt länger dauert. Somit würden sich Martin und Reiner nicht sehen und diese Überfahrt wäre nach etwa einer Woche zu Ende.

Der Portcaptain gibt uns noch ein Schreiben mit, wonach wir da waren und weg geschickt worden sind. Das sollen wir in RECIFE vorlegen, und er will dort auch anrufen, um uns anzukündigen. „Am Festland seien die Möglichkeiten der Ein- und Wiederausreise besser gegeben als hier.“ ist die Begründung. Uns ist aber zu diesem Zeitpunkt schon klar, dass das lediglich ein Vorwand ist, um das Problem – also uns – los zu werden.

Mein sehr erstaunter und gleichzeitig fragender Blick, als justament zu diesem Zeitpunkt ein Flugzeug landet, wird automatisch beantwortet: „Letzter Flug, schon ausgebucht.“ Was sonst?

Ich wage es anhand der herumstehenden Militärs nicht, ein Foto von der Szenerie zu machen. Es ist alles so unwirtlich. Dennoch bedanke ich mich mit der Unterstützung von Marina, der Übersetzerin, auf portugiesisch für das Entgegenkommen und entschuldige mich für die verursachten Umstände. Dann steigen wir alle drei wieder ins Dingi und fahren, ohne ein Wort zu wechseln, zurück aufs Schiff.

Martin geht unmittelbar in seine Kabine, wir lichten den Anker und um 16:00 Uhr liegt Fernando bereits hinter uns. Klappe und Cut.

Die nächsten Tage gestalten sich zwar wie geplant, es ist aber natürlich nicht mehr wie zuvor. Tagsüber bringe ich Martin gekühltes Wasser und Obst hinunter und am späten Nachmittag zieht sich Reiner in seine Kabine zurück und Martin und ich kochen zusammen. Gegen 23:00 Uhr übernehme ich dann die Wache von Reiner, Martin von 01:00 bis 05:00 Uhr von mir, und ich dann wieder bis Reiner aufsteht. Das funktioniert soweit ganz gut.

Vorrangig aber versuchen wir an Informationen zu kommen, wo wir am besten Einreisen können. Von Deutschland aus (Danke an Laura, Matthias, Markus und alle anderen!) werden Botschaften und Konsulate kontaktiert und bald wird klar, dass Recife nicht die aussichtsreichste Adresse ist. Wir ändern den Kurs und halten auf Fortaleza an der Nordküste Brasiliens zu.

Trotz allem kann ich für mich das Segeln immer noch in vollen Zügen genießen. Unter Groß und Fock machen wir gute Fahrt und die Wolken- und Sonnenauf- und Untergangsspiele bezaubern mich immer wieder.

Am 25. März treffen wir auf die VIKING JUPITER. Ein Kreuzfahrtschiff, das sich treiben lässt und wohl zum Zeitvertreib in gebührlichem Abstand eine Runde um uns herum fährt. An Deck können wir auch mit dem Fernglas keine Menschen ausmachen. Eingesperrt in den Kabinen? Einreiseverbot?

Wir wissen es nicht. Wir hoffen nur, dass unser Ansinnen in Fortaletza erfüllt werden kann. Dazu haben wir Kontakt mit dem deutschen Honorarkonsul in Fortaleza Hrn. Hans-Jürgen Fiege aufgenommen. Er wird uns erwarten und uns bestmöglich unterstützen.

Sundown

Veröffentlicht von petermaiergarsten

Email: peter.maier.11@gmx.at

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2 Kommentare

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  1. Na die ganzen Probleme sind wohl durch den Corona Virus verursacht. Die ganze Welt spielt verrückt. Von meinem Samsung Galaxy Smartphone gesendet.

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